Brauchtum im Odenwald

 
 



80 Eier landen in der Schüssel

 
 

Brauchtum:
Maria Wagner aus Krumbach greift bei der Zubereitung von Weihnachtsgebäck auf überlieferte Rezepte

24.12.2008
im Starkenburger Echo
von Brigitta Schilk


ODENWALD.

Was wäre Weihnachten ohne Gebäck?
Der Duft exotischer Gewürze, Nüsse, Mandeln und Schokolade, die zusammen mit Mehl, Butter, Eiern und Zucker zu herrlichen Plätzchen verarbeitet werden, sind für die Adventszeit ebenso bedeutungsvoll, wie Kerzen, Tannenzweige und weihnachtliche Lieder.
Viele Traditionen haben im Laufe der Jahre zwar an Bedeutung verloren, nicht aber die Mehlschlachten in den heimischen Backstuben. Das gilt auch für Maria Wagner aus Krumbach. Allerdings hegt sie eine ganz besondere Vorliebe – sie backt ihre Leckereien nach uralten, seit Generationen überlieferten Odenwälder Rezepte. .
Wie viele Frauen ihrer Generation, erinnert sich Maria Wagner gerne an ihre Kindheit, als das Backen in der Vorweihnachtszeit noch ein besonderes Ereignis war.

Schon in jungen Jahren ging sie ihrer Mutter zur Hand, lernte dabei viel über die Verarbeitung von Teig, die Verwendung besonderer Zutaten, richtige Backtemperaturen und die Aufbewahrung .
Weitere Finessen eignete sie sich im Winter 1956/57 an, als sie für ein halbes Jahr die Landwirtschaftsschule in Heppenheim besuchte. Damals schrieb die heute Neunundsechzigjährige die ersten Zeilen in ihr Rezeptbuch, das sie bis heute zur Hand nimmt. Das handgeschriebene Werk verfügt über Seitenzahlen und ein Inhaltsverzeichnis, damit sie die Rezepte schnell finden kann.
Nachdem Maria Wagner mit 23 heiratete und in das Haus der Schwiegereltern mit Schreinerei und Bauerei einzog, wurde das Backen wieder zur reinen Familiensache. Zusammen mit ihrer Schwiegermutter versorgte sie fortan die neunköpfige Familie mit Weihnachtsgebäck.
„Sich beim Backen mit so vielen Menschen in der kleinen Küche zu drängeln war zwar anstrengend, dennoch haben wir 15 bis 20 Sorten traditionelles Gebäck hergestellt“, erinnert sich Maria Wagner und zählt Butter-, Spritz- und Haferflockengebäck, Bärentatzen, gefüllte Kekse, Kalte Hunde, Lebkuchen, Walnuss- und Kokosmakronen, Springerle, Vanillekipferl und Zimtsterne auf. Gebacken wurde mit eigenen Nüssen und von den Leckereien blieb nur selten ein Krümmel übrig.
Trotz der Gemeinschaftsarbeit hat jeder seine eigene Methoden entwickelt, erinnert sich die Krumbacherin an die Backaktionen mit der Schwiegermutter.
Gebacken wurde auf riesigen Blechen im elektrischen Brotbackofen, der eine Länge von 1,80 Meter hatte. „Meine Schwiegermutter saß dann immer vor dem Ofen und hat das Gebäck im Auge behalten, damit es nicht verbrennt.“
Riesige Mengen backt Maria Wagner auch heute noch. Allein für ihre Anis-Springerle – etwa 1000 Stück – hat sie 80 Eier verarbeitet. „Die meisten verschenke ich“, verrät sie, aber in diesem Jahr präsentierte sie ihre Köstlichkeiten erstmals auch beim Wintermarkt in Krumbach an einem liebevoll dekorierten Stand. „Das hat Spaß gemacht“, erzählt sie mit leuchtenden Augen, „am Nachmittag hatte ich bereits keine Springerle mehr“.

Springerle sind traditionelle Anis-Weihnachtsplätzchen aus Eierschaumteig. Sie gehören zum Bildgebäck oder Gebildebrot, dessen Ursprung noch in vorchristlicher Zeit liegt. Der Name, die schwäbische Verkleinerung von Springer, kommt entweder von dem beliebten Motiv des Reiters (Springer), oder – was wahrscheinlicher ist – vom Aufspringen (Aufgehen) beim Backen.
Der Springerle-Teig erhält vor dem Backen ein Motiv mit Hilfe einer Form (Model) aus Holz. Maria Wagner besitzt gleich mehrere dieser Modeln aus Birnbaum und zwar in Form von Anisrollern. Der älteste Anisroller ist eine Leihgabe von Verwandten aus Linnenbach. Er ist besonders wertvoll, da er um 1880 handgeschnitzt wurde. Er hat tiefe Reliefformen und ist so fein gearbeitet, dass sogar dünne Gräser um ein Rehkitz auf den Plätzchen sichtbar werden.
Weitere feingliedrige Motive sind Vögel, Waldtiere, Pflanzen, Früchte und ein Segelschiff. Die neueren Roller schätzt Maria Wagner nicht so sehr, da diese flachere Reliefs mit einfachen Vogel- und Blumenmotiven oder Symbolen haben. Zusätzlich verwendet sie flache Holzmodel mit Gesichtern von Max und Moritz oder Nikolaus und Knecht Ruprecht.
Mit dem Anisroller werden die Formen in den Teig gedrückt. Die einzelnen Motive werden dann mit dem Backrädel voneinander getrennt. „Springerle müssen beim Backen Füßle kriegen“, verrät Maria Wagner. Beim Backen wächst der Teig auf die doppelte Höhe, dabei bildet sich am unteren Rand ein „Fuß“. Nach dem Backen müssen die Gebäckstücke bis zu drei Wochen in einer feuchten Umgebung „reifen“, damit sie nicht austrocknen. Dazu diente früher ein Kellerraum mit gestampftem Lehmboden.

Heute werden Apfelstücke auf einem Stück Frischhaltefolie mit in die Dose gegeben, in der die Springerle aufbewahrt werden – dann werden die Plätzchen nach einigen Tagen deutlich weicher. Aber es gibt auch einen Trick, um harte Springerle wieder weicher zu machen. Wenn Maria Wagner ihre Springerle an alte Leute verschenkt, legt sie die Plätzchen mit dem Fuß für einige Stunden auf eine feuchte Küchenrolle.

Und weil Maria Wagner die alte Backkunst erhalten möchte, gibt sie ihr Wissen auch gerne weiter. Dieses Jahr waren zwei Nichten und einige Frauen aus der Gymnastikgruppe bei ihr. „In den vergangenen Jahren habe ich mehr als 20 Frauen aus den umliegenden Dörfern in die Geheimnisse der Springerle-Bäckerei eingeweiht“, verrät sie.
Außer den Springerle gehören aber auch andere Sorten zum festen Bestand in den Gebäckdosen Maria Wagners: „Einige Lieblingssorten habe ich das ganze Jahr über, die meisten wissen das und besonders Kinder freuen sich darüber.“ Aber auch in der Backstube einer erfahrenen Bäckerin geht einmal etwas schief, bekennt sie freimütig: „Die Lebkuchen sind mir dieses Jahr nicht so gelungen, darauf dürfen sich dann die Hinkel freuen.“

 
 


Rezept Anis-Springerle von Maria Wagner

 


Zehn mittelgroße Eier mit dem Handrührgerät verrühren und dabei zwei Pfund Zucker langsam einrieseln lassen.
Die Masse muss so lange gerührt werden, bis sich der Zucker aufgelöst hat.
Dann werden zwei Päckchen Aniskörner und anschließend 15 Gramm Hirschhornsalz hinzu gegeben.
Schließlich werden nach und nach vier Pfund gesiebtes Mehl in die Eiermasse geknetet.
Der fertige Teig wird etwa ein Zentimeter dick ausgerollt. Mit einem Anisroller oder den Springerleformen werden dann die Motive in die Masse gepresst.
Die einzelnen Plätzchen werden mit dem Backrädel voneinander getrennt und auf bemehltes Papier gelegt.
Nun sollte das Gebäck über Nacht in einem mäßig warmen Raum ruhen.
Am nächsten Tag werden die Plätzchen mit einem Pinsel von Mehlresten befreit und auf ein gefettetes oder mit Backpapier ausgelegtes Blech gesetzt (nicht zu dicht).
Die Springerle werden bei 150 Grad 20 Minuten lang backen.

 

 
  Richtlinien gelten auch für Vereine und Privatpersonen



Wer auf einem Weihnachtsmarkt Gebäck verkaufen möchte, muss sich an einige Vorschriften halten, für deren Überwachung das Amt für Veterinärwesen und Verbraucherschutz zuständig ist. Demnach müssen „gewisse Mindestanforderungen“ an die Hygiene erfüllt werden, ist die etwas ungenaue Auskunft aus dem Amt. Herstellung und Verkauf bewegten sich aber auch in einer rechtsfreien Zone. Das Amt verweist deshalb auf die Broschüre des Deutscher Hausfrauenbundes „Feste sicher feiern – Lebensmittelhygiene und Lebensmittelsicherheit bei Vereinsfesten“.

Die Broschüre liefert Vereinen wichtige Informationen für die Organisation ihrer Feste. Dabei geht es vor allem um Lebensmittelhygiene und Lebensmittelsicherheit. Die Broschüre beinhaltet die Grundlagen und viele hilfreiche Tipps. Sie soll als Leitfaden dienen für ehrenamtlich tätige Helfer, die für Speisen und Getränke zuständig sind. Das Lebensmittelhygienerecht wurde neu geordnet und dem Hygienepaket der EU angepasst. Die Verordnung gilt seit 1. Januar 2006. Menschen, die vorübergehend Lebensmittel herstellen, sind von diesen Vorschriften zwar nicht betroffen sind, sie sollten aber grundlegende Ziele des Lebensmittelrechts – ein hohes Maß an Schutz für Leben und Gesundheit des Menschen – dennoch einhalten. Das Verbot, gesundheitsschädliche Lebensmittel herzustellen und an andere abzugeben, gilt für alle, Zuwiderhandlungen sind strafbar.

In der Broschüre wird verantwortungsbewusstes Handeln als grundlegende Haltung gefordert. Neben einem Überblick über Gefahren, werden Mikroorganismen und Viren vorgestellt sowie Hygiene-Grundsätze erklärt. Der Hausfrauenbund empfiehlt, beim Verkauf von Kuchen einzelne Rezepte zu sammeln und in einem Ordner zur Information bereit zu halten. Dann sei es möglich einer Allergiker jederzeit Auskunft über die Inhaltsstoffe zu erteilen. Bei verpackten Lebensmittel sollten die verwendeten allergenen Rohstoffe aufgeführt werden.