Reportage über Bonsweiher

 
 


Mit vereinter Kraft gegen den Verfall
 
 


Sanierungsprojekt:
Thorsten Stadler und seine Familie verwandeln alten Bonsweiherer Bauernhof in ein Schmuckstück

10.01.2009
im Starkenburger Echo
von Brigitta Schilk

 






































 


BONSWEIHER. Viele Menschen träumen von einem idyllischen Bauernhof auf dem Land mit vielen Tieren und einem Bauerngarten. Wie viele Arbeitsstunden, Geduld und handwerkliches Geschick notwendig sind, um ein altes Gehöft wieder Instand zu setzen, wissen allerdings nur diejenigen, die ein solches Gemäuer einmal von Grund auf renoviert haben. So manchen ungläubigen Kommentar von vorbeiziehenden Spaziergängern bekamen Thorsten und Alexandra Stadler zu Ohren als sie sich an ein solches Projekt wagten.

Einer der ältesten Höfe in Bonsweiher an der Edertalstraße gehört ihnen seit Dezember 2003. Er stand acht Jahre leer, überwucherte mit Brombeeren, ein alter Walnussbaum war ins Dach des Nebengebäudes gestürzt und auf den Dächern der Scheunen fehlten etliche Ziegel. Vier Wochen lang haben die Stadlers den Schutt auf dem Hof zusammengetragen, über fünf Traktorladungen entsorgt und eine Woche lang den Hof von alten, verwachsenen Bäumen und Sträuchern befreit. Erst danach war der Hof frei, um Neues zu planen.

Seit fünf Jahren arbeitet das Paar mit Unterstützung von Thorsten Stadlers Vater, Dieter Stadler und Bruder Frank Stadler an der Sanierung des Hofes. Die Familie hatte den Hof genau inspiziert, bevor sie ihn von der Gemeinde erwarb, und wusste, dass ihnen viel Arbeit bevorstand. Die Dächer des Nebengebäudes und der Scheune standen zuerst auf der Liste. Der riesengroße Brotbackofen konnte nicht mehr gerettet werden, da er extrem beschädigt war und die Gussteile gestohlen worden waren. Wo der ehemalige Räucherschrank stand, steht heute die Wasch- und Trockenmaschine.
Innerhalb der ersten fünf Monate haben die Vier das Nebengebäude, den „alten Teil“, bewohnbar gemacht. Über dem ehemaligen Futtersilo haben Thorsten und Dieter Stadler Decken und Trennwände eingezogen. Dort sind das Schlafzimmer, Bad und Gäste-WC entstanden. Aus drei kleinen Zimmern ist ein großes Wohnzimmer geworden. Im Mai 2004 zogen Thorsten und Alexandra Stadler dort ein.

Im Erdgeschoss, neben den zwei Garagen, wurde vergangenes Jahr ein Ziegenstall für drei deutsche Edelziegen eingerichtet. Die Ziegen helfen fleißig mit. Sie futtern parzellenweise die Brombeerhecken an den Hängen ab und machen das Gelände nutzbar.
Auf dem Hof leben mit Thorsten und Alexandra vier Pferde, ein Pony, drei Ziegen, sieben Hasen, sechs Meerschweinchen, ein Hamster, fünfzehn Hühner und die beiden Hofhunde Max und Niko. Wenn Freunde ihre Tiere nicht versorgt bekommen, bieten die beiden eine Pension für Tiere. „Wenn es Tieren nicht gut geht, dann nehmen wir sie auch ganz auf“, erzählt Alexandra Stadler. Die Anzahl der Hofbewohner wächst somit beständig.

Vor dem Einzug der tierischen Mitbewohner musste das Paar jedoch Platz schaffen. „Im Pferdestall türmte sich der Müll“, erinnert sich Thorsten Stadler. Nach der Entrümpelung wurde zunächst der Boden herausgerissen, alle Wände wurden neu verputzt , dann die Boxen eingeteilt und eingerichtet.
Eine lange Liste weiterer Aufgaben musste abgearbeitet werden – den Winterauslauf für die Pferde roden, das zugewachsene Bauernhaus von Efeu befreien, Bäume fällen, Wege zum Garten und auf die Hofäcker anlegen. Einige Male forderte das Paar allerdings professionelle Unterstützung an. So rückte beispielsweise Friedhelm Öhlenschläger mit seinem Bagger an, um Wurzeln zu entfernen.
Aus der Zusammenarbeit entwickelten sich viele Freundschaften zu den Dorfbewohnern. Dazu trug auch die Hilfsbereitschaft der Familie Stadler bei, denn „wenn wir gebraucht werden, sind wir jederzeit zur Stelle“, beschreibt Thorsten Stadler ein wichtiges Grundprinzip der Familie.
Von der einen Baustelle ging’s zur nächsten – zum ehemaligen Schweinestall. Auch dort wurde ein neuer Boden betoniert. Nachdem die elektrischen Leitungen verlegt worden waren, konnte eine Holzwerkstatt eingerichtet werden. Die meisten Schreinermaschinen dort hat Thorsten im schlechten Zustand gekauft und für seine Werkstatt repariert.

„Heute macht sich keiner mehr etwas aus der alten Handwerkskunst, aber wir hängen an dem alten Kram“, begründet er seinen Einsatz, „wir arbeiten gern mit alten Maschinen und Sachen.“ Aus dem Schwarzwald holte er mit seinem Vater die Landmaschine Kramer Allrad, obwohl sie als Totalschaden deklariert worden war.
Über 600 Arbeitsstunden steckten die beiden in den Schlepper, um ihn wieder einsatzfähig zu machen. Ein befreundeter Maschinenbaumeister half dabei. Nun wird die Maschine wieder eingesetzt.

Thorsten Stadlers Leidenschaft für die Landwirtschaft hat er wohl von seinem Großvater geerbt, der Landwirt war. Von klein auf hat er auf dem Feld und später bei bekannten Bauern ausgeholfen oder ihre Maschinen repariert. „Mir macht die landwirtschaftliche Arbeit Spaß. Wenn ich für unsere Ziegen Gras mit der Sense schneide, bin ich rundum zufrieden“, versichert er.

Die Arbeiten am Haus wurden währenddessen kontinuierlich fortgesetzt. „Der milde Winter im Jahr 2006 war unser Glück“, erinnert sich Thorsten Stadler. So konnte er im Dezember noch die Treppe zum Bauernhaus betonieren. Im Jahre 2007 wurde das Bauernhaus in Angriff genommen. Das Dach wurde komplett abgebaut und das defekte Gebälk ausgetauscht.
„Das Eichengebälk war noch in Ordnung, aber die Fichtensparren waren total verwurmt“, beschreibt Thorsten den Zustand. Mit einem mobilen Sägewerk fertigte ein Bekannter Bauholz. Traditionsgemäß wurde das alte Bauernhaus wieder mit Doppelfalzziegeln eingedeckt.
Die Beschaffung war allerdings schwierig. Thorsten und Dieter Stadler wurden schließlich bei einem Abrisshaus fündig. Sie bauten das Dach ab, um an Balken und Ziegel heranzukommen. Von vier weiteren Abrisshäusern holten sie sich die Tragwerke. Die fehlenden 150 Ziegel und weitere 250 als Vorrat beschaffte sich Thorsten Stadler in der Pfalz.

Beim Umbau des alten Bauernhauses profitierte Thorsten Stadler vom fachlichen Können seiner Vaters – er ist Polier. Da Thorsten als Hausmeister bei der Stadt Weinheim tätig ist und bis 22 Uhr arbeitet, hat er nur alle zwei Wochen abends frei.
So erledigte Dieter Stadler sämtliche Arbeiten fast im Alleingang. Das Haus wurde entkernt, neue Decken wurden eingezogen und die Wände vom alten Putz befreit. Einige Fachungen wurden komplett erneuert, einige Lehmfachungen konnten erhalten und gedämmt werden.

Die dicken Grundmauern des Hauses von 75 Zentimetern machten eine Dämmung im Erdgeschoss überflüssig. „Es war eine Meisterleistung, das Dach anzuheben, die Sparren und Aufschieblinge in Einzelarbeit anzugleichen. Jeder Aufschiebling musste Stück für Stück angepasst werden – und das vierzehn Tage lang“, beschreibt Thorsten Stadler den wohl schwierigsten Abschnitt der Arbeiten und lobt vor allem die Leistung seines Vaters. Jetzt fehlt nur noch die Isolierung.
Seit Sommer 2008 arbeitet Dieter Stadler auch an der Natursteinfassade. Er prüfte jeden Stein, loses Material löste er ab, bearbeitete jeden lockeren Stein und mauerte ihn neu ein. Die festen Steine wurden neu ausgeputzt und angepasst. Im Spätsommer zog Dieter Stadler mit Ehefrau Rosemarie von Weinheim in eine Mietwohnung nach Bonsweiher. Sobald das Bauernhaus ausgebaut ist, werden sein Sohn Thorsten und Ehefrau Alexandra dort einziehen. Im „alten Teil“ werden dann die Eltern wohnen.

Doch das wird noch anderthalb bis zwei Jahre dauern, schätzt Thorsten Stadler. Das Eichenholz für die Eingangstür des Bauernhauses lagert er bereits seit fünf Jahren und er wird sie selbst schreinern. Vor der Entkernung hat er mit seinem Vater den alten Kachelofen mit 24-Kilowatt-Leistung vollständig abgebaut. Dieter wird ihn frisch ausmauern und Stück für Stück wieder zusammenfügen. Der Ofen wird künftig das ganze Haus heizen.



 
 


Die Sanierer:
Eine Familie arbeitet
Hand in Hand


Thorsten Stadler kommt aus Sulzbach, hat mütterlicherseits die Landwirtschaft im Blut und ist väterlicherseits vom Holzhandwerk geprägt, sein Großvater betrieb ein Holzsägewerk in Heppenheim. Thorsten Stadler hat eine Ausbildung als Werkzeugmacher und Dreher. Er arbeitete viele Jahre als Mechaniker in der Werkstatt eines Freundes. Vater Dieter Stadler ist gelernter Maurer. Er erledigt alle Holz- und Zimmerarbeiten. Bruder Frank Stadler ergänzt das handwerkliche Quartett als Schreiner.

Alexandra Stadler kommt ursprünglich aus Lindenfels und arbeitet als Arzthelferin bei einem Lungenfacharzt in Weinheim. Die ehemalige Spring- und Dressurreiterin gibt nebenher Reitunterricht für Kinder und Erwachsene.