Reportage

 
 



Die Vergangenheit lebendig erhalten
 
 


Heimatforscher: Walter Winkler und Heiko Lorenzen legen spannende Dokumente über die Geschichte Bonsweihers vor

2.01.2009
im Starkenburger Echo
von Brigitta Schilk


BONSWEIHER. Als 1983 das Handbuch über Mörlenbach herauskam und der langjährige Ortsbeirat von Bonsweiher, Walter Winkler, es studiert hatte, wusste er, über Bonsweiher gab es mehr zu berichten. „Mir war die Geschichte über Bonsweiher nicht ausführlich genug“, befand er, und so suchte er Anfang der neunziger Jahre jemanden, der mit ihm recherchierte.

Er fand Heiko Lorenzen, dem er bereits vor vielen Jahren beim Bau von dessen Haus begegnet war und den er über das Handballspiel besser kennen lernte. Schon bald wurde die Idee geboren, einen Film über die Geschichte Bonsweihers zu drehen. „Wir haben gesammelt, gesammelt und gesammelt. Am Ende hatten wir viel zu viel Stoff für einen Film“, schildert Lorenzen die Anfangszeit.
Der Ingenieur beschloss dann, sich auf die Mühlen zu konzentrieren. „Bei meinen Recherchen bekam ich viel Kontakt zu unterschiedlichen Menschen, führte viele Gespräche und bekam eine Menge Geschichten erzählt.“ Winkler hat ein Faible für Familienhistorie und Dorfgeschichte.

Er trug die Stammbäume der Bonsweiherer zusammen, dröselte die Verwandtschaftsverhältnisse auf und ordnete die Familien den Häusern zu. In Ordnern zeichnete er alles auf und stellte die Ergebnisse zusammen. Fast alle alteingesessenen Bonsweiher Familien zeigten den beiden Männern ihre alten Bilder. Am Ende kamen über 400 Bilder zusammen.

Lorenzen berichtet, manchmal sei es nicht leicht gewesen, an die wertvollen Fotoalben der Leute zu kommen. In den Gesprächen sei aber dann Vertrauen entstanden, und so gaben die meisten ihre Erinnerungsfotos aus der Hand. „Die Alben haben sie schnell zurück erhalten, denn ich habe alles in hoher Qualität abfotografiert“, versichert Lorenzen und ergänzt: „Eins ist toll – wir können heute zu allen, die wir kennen, wieder hinkommen und weiter machen.“

Das Vertrauen zu den Menschen war Winkler und Lorenzen sehr wichtig. Wenn sie Fotos von Familien oder Einzelnen veröffentlichten, hatten sie vorher die Erlaubnis dazu eingeholt. Mit vielen alten Menschen, von denen viele nicht mehr alle leben, hatten Lorenzen und Winkler Interviews geführt. Bei zwei Gesprächspartnern kamen sie allerdings zu spät, sie starben vor dem geplanten Interview.
Ein besonderes Augenmerk legten die beiden Hobbyforscher auf die verschiedenen Berufsgruppen. Sie interviewten Bauern, Müller, Steinhauer, Schneider, Schuhmacher, Wagner und Frauen, die in der Heimarbeit tätig waren.

Über zwei Jahre – von 1993 bis 1995 – führten die beiden in jeder freien Minute unermüdlich Gespräche mit Familien, recherchierten Quellen und trugen Material zusammen. Das Hobby wurde so eine ganze Zeit lang zur Hauptbeschäftigung.
Lorenzen unternahm eine Reise nach Würzburg, um im Staatsarchiv Originaldokumente über Bonsweiher zu suchen und zu fotografieren. Er nahm Kontakt mit dem Museum für Technik und Arbeit in Mannheim auf, um für den Mühlenfilm Bildsequenzen zu erhalten. Ein wichtiger Ratgeber war der „Geschichtspapst“ der Region, Otto Wagner. Ihm legten die beiden ihre Beiträge vor und erhielten weitere Anregungen.

Fachliche Kontakte bestanden zum Mühlenfachmann Heinz Reitz in Reinheim und zum Archiv in Heppenheim. Archivar Erich Tautz unterstützte ihre Recherchearbeiten ebenso wie der Heimatforscher Hans Lorenz in Heppenheim. Im ständigen Austausch waren die Bonsweiher-Forscher mit Leo Stephan, der für Mörlenbach eine umfassende Dokumentation erstellt hat.

Ein weiterer Förderer war Gerhard Schranz, der ehemalige Leiter der Hauptverwaltung der Gemeinde Mörlenbach. Er ließ die beiden stundenlang das Archiv und die Originalbücher durchforsten. Die Gemeinde übernahm die Sachkosten für die Verfilmungen, alle weiteren Kosten während der Recherche finanzierten Lorenzen und Winkler aus eigener Tasche.

Doch wichtiger als das Geld war den beiden die Zeit, die sie in ihr Projekt gesteckt hatten. „Meine Frau hat zwar manchmal über mein Engagement gemeckert“, bekennt Lorenzen, „aber schließlich ist sie selbst aktiv geworden.“ Auch sie vermittelte den beiden viele gute Kontakte. Auch Winklers Frau unterstützte die Aktivitäten ihres Mannes. Fast zehn Jahre recherchierten Lorenzen und Winkler, dann ließ der Forschergeist etwas nach, allerdings nicht mangels Interesse, sondern weil sie keine Möglichkeit sahen, ihr Wissen, das umfangreiche Fotomaterial und ihre gesammelten Dokumente weiterzugeben. „Wir wollten unsere Arbeit der Öffentlichkeit zugänglich machen“, sagt Winkler, „aber es ergab sich keine Möglichkeit.“

Über Jahre schlummerte das Material in privaten Kellern und die beiden glaubten schon fast nicht mehr daran, die Dokumente jemals vorstellen zu können. „Es war ein Jammer“, kommentiert Lorenzen.

Das Projekt „Dorferneuerung“ eröffnete ihnen schließlich eine große Chance. Endlich bot sich den beiden Ortshistorikern eine Möglichkeit, das Material in adäquater Weise zu präsentieren und für die Nachwelt zu erhalten. In der Arbeitsgruppe Geschichte konnten Winkler und Lorenzen ihre einzigartige Sammlung vorstellen und ihr Wissen einbringen. Ihrem Ziel, der Gründung eines historischen Archivs, kamen sie damit einen erheblichen Schritt näher.

Lorenzen und Winkler wollen den Prozess so lange begleiten, bis sich eine Projektgruppe findet, die das Vorhaben umsetzt. „Aber dafür muss noch viel getan werden“, versichert Lorenzen. Für das Archiv oder eine Dauerausstellung müssten die Gesprächsprotokolle aufbereitet und mit den Bildern in Verbindung gebracht werden. Jedes Foto soll einige erklärende Informationen erhalten, und es könnten einige Geschichten geschrieben werden, um die Vergangenheit lebendig zu halten.


 
 


Heimatforscher im Porträt Urgestein und Neubürger teilen Interessen


BONSWEIHER. Walter Winkler, ein Bonsweiher Urgestein, ist heute 72 Jahre alt. Er arbeitete zunächst als Lederfacharbeiter, später in der Kunstlederproduktion bei Freudenberg. In den fünfziger Jahren gab es eine direkte Verbindung von Bonsweiher nach Weinheim. Vier Frauen und dreißig Männer fuhren täglich mit dem Bus in das Städtchen an der Bergstraße. Walter Winkler war von 1968 bis 1998 im Ortsbeirat aktiv.

Heiko Lorenzen fand 1963 nach Bonsweiher. Bis dahin hatte der Hamburger bei BBC (Braun Boveri Cie.) im Versuchsstand zur Simulation von Schiffsbewegungen in Hamburg gearbeitet. Die Mannheimer Firma holte ihn ins Hauptwerk, und so suchte er mit seiner Familie ein neues Zuhause. Bonsweiher hatte ihm gefallen. „Das Kennenlernen ging ganz flott, war überhaupt kein Problem. Das kenne ich von anderen Regionen nicht“, sagt er rückblickend. In den 45 Jahren, die er jetzt mit seiner Frau Marianne in Bonsweiher lebt, ist der Mörlenbacher Ortsteil seine Heimat geworden, allein der norddeutsche Dialekt verrät seine Herkunft. Seit seiner Pensionierung 1994 widmet er seinem Hobby, dem Filmen, viel Zeit.