Reportage über Mittwinter-Bräuche

 
 


Von Stoppelgans und Bubenschenkel
 
 


Brauchtum –
Mittwinter vor über 100 Jahren – Manches ist unverständlich, manches gewandelt bis heute erhalten

31.12.2011
im Starkenburger Echo
von Brigitta Schilk

 



Mittwintergestalten mit Rübenköpfen und ähnliche Gebilden. Entdeckt in und entnommen dem vor mehr als 50 Jahren erschienenen Büchlein „Das Jahresbrauchtum in Südhessen“.
Foto: Privat





ODENWALD.
Wenn versucht wird, die vielfältigen Weihnachtsbräuche nur aus der Geschichte des Christentums zu verstehen, bleibt manches unverständlich. Wenn sie kulturhistorisch und mythologisch angesehen werden, eröffnen sich aber neue Perspektiven.
„Der lichtertragende Weihnachtsbaum sollte uns nie ästhetisch oder gefühlsmäßig ansprechen. Er darf auch nicht unbesehen zum Sinnbild für Christi Geburt werden, die als Licht die Nacht des unerlösten Menschen erhellt hat. Vielmehr sollte er uns ganz bewusst daran erinnern, welche große seelische Not und Angst unsere Vorfahren in den dunklen Mittwinternächten aushalten mussten, nicht nur vom kosmischen Geschehen bedrängt, sondern auch durch ihren alten Glauben vom Heer der umziehenden Toten und Geister heimgesucht. Dies alles zu bannen, war die ursprüngliche Aufgabe des nächtlichen Lichtdurchbrennens und der immergrünen Zweige. Aus der inneren Einstellung heraus erst kann der christliche Weihnachtsbaum tiefer gesehen und in den Herzen inniger erfasst werden.“

Diese Gedanken schrieb der Heimatforscher Heinrich Winter Anfang der fünfziger Jahre im Büchlein „Das Jahresbrauchtum in Südhessen“ nieder.
Im Kapitel über den südhessischen Weihnachtsbaum fragt er nach dessen Alter und Ursprung. Er skizziert aufgrund der Befragungen einen Weg über die alten Bezeichnungen: vom Buchsbaum (so 1708 von Liselotte von der Pfalz beschrieben) über den Haselbaum zum Zuckerbaum. Seltener wird er in den Dörfern des Odenwalds als Strohbaum oder Erbisbaum bezeichnet. Winter meinte, dass der ursprüngliche Brauch noch keine enge Beziehung zum christlichen Weihnachtsfest besessen habe. An den Bäumen waren Kerzen, Nüsse, Äpfel und Birnen angebracht, später auch Zucker.
Zur Mittwinterzeit wurden im Odenwald und Ried Rübenköpfe umhergetragen. Die Rübenlichter waren gesichtsförmig oder hatten sinnbildartige Lichtöffnungen. So die Mondsichel, Kreise, das Herz, den vier- oder sechszackigen Stern. Die Leuchtgebilde hatten unheimliche Namen wie Totenkopf, Gespensterkopf, Feuerteufel, Feuergeist, Belze-
nickel, Knochenpeter oder Booz. Sie waren Schreckensbringer, wenn sie mit Stangen in den Straßen umhergetragen wurden, oder Trostspender, wenn die Menschen sie mit einer Kerze von innen beleuchtet ans Fenster oder vor Häuser stellten.

Bei den Weihnachtsumzügen traten Mittwintergestalten wie der Belz- oder Benznickel, auch Strohnickel auf; begleitet vom Schimmelreiter, der Stoppelgans, von Hörnersnickeln, Bohlischböcken, Mehlweibchen und Christkindchen. Sie lärmten in den Gassen, liefen den Kindern und Erwachsenen nach, rasselten mit Ketten, knallten mit Peitschen, klopften mit Stöcken und Ruten an die Häuser, Türen, Fenster. Die Nickelgestalt umläuft das Haus, stolpert und fällt in das Haus hinein. Dabei schüttet sie ihre mitgebrachten Gaben – Äpfel, Nüsse, Gebäck – aus und schlägt mit der Rute.
Heinrich Winter sieht darin die Herkunft der Nikolaus- und Weihnachtsbescherung. Dem Rutenschlagen lässt er keine erzieherische Bedeutung zukommen, da alle Kinder Rutenhiebe erhalten. Sie bringen Lebenskraft. Das Hineinfallen soll Glück ins Haus bringen.

„Kein Weihnachts- oder Neujahrsfest war ohne die typisch mittwinterlichen Gebildebrote denkbar“, schreibt Winter. Das Mürbeteiggebäck zeigte figürliche Darstellungen wie Mensch, Hase, Schwein, Vogel, geometrische Formen oder kunstvolle Teigflechtungen. Sie hießen Bubenschenkel oder Stutzweck und waren ein-, zwei- oder dreiteilig. Die Lebkuchen spendeten durch ihren Gehalt an Honig und heilkräftigen Gewürzen den Menschen, die sie aßen, besondere Kraft und Schutz in den langen, dunklen Nächten.
Winter hält fest, dass sich die Gebäcke über die Zeit vereinfachten und sie allmählich ihre Brauchbindung an Feste verloren haben. „Das Braucherleben unseres Volkes war bereits vor dem Krieg im raschen Absterben.“



 
 


Der Heimatforscher Heinrich Winter

31.12.2011
im Starkenburger Echo
von Brigitta Schilk


Der Gewerbestudienrat und Heimatforscher Heinrich Winter bereiste von Mitte der dreißiger bis Anfang der fünfziger Jahre immer wieder den Odenwald und andere Regionen, um die noch vorhandenen Bräuche zu erfassen und die Dorfältesten über die Veränderungen zu befragen.
Akribisch beschrieb er Bräuche, hielt die Benennungen der Figuren fest, zeichnete ihre Verbreitungsgebiete auf Karten auf und verfolgte ihre Entwicklungen. Winter war ein vielseitiger Forscher, ein fleißiger Sammler,
bewandert in der Volkskunde, Geschichte, Kunstgeschichte und Architektur. Er fühlte sich geistig dem Nationalsozialismus verbunden.
Aufgrund seiner einseitigen geistesgeschichtlichen Haltung ordnete er die Brauchgeschehen stets vorchristlich und außerkirchlich fundiert ein und wurde dafür von Wissenschaftlern kritisiert. Sein umfangreicher und heterogener Nachlass ist daher nicht unumstritten. Nach über dreißigähriger Sammelarbeit zu regionalen Bauwerken, Häusern und Bräuchen hinterließ er einen Fundus an über 200 Ordnern Forschungsmaterial, einen Bilderschatz von 60 000 Fotos und 600 Aufsätze und Werke.