Reportage über Bonsweiher

 
 


Vom Schandfleck zum Schmuckstück
 
 


Bauen - Zwei Frauen verwandeln Altbau
in ein gesundes Haus, das wenig Energie
verbraucht -
Ökologische Sanierung

22.03.2008
im Starkenburger Echo
von Brigitta Schilk

 













BONSWEIHER.
"Wenn ich im Vorgarten arbeite", sagt Brigitta Schilk, "kommt es vor, dass Menschen stehen bleiben und über die Farbe des Haus staunen". Je nach Sonnenschein leuchtet ihnen ein kräftiges Ockergelb entgegen. "Ein Schmuckstück ist es geworden. Das war sicher viel Arbeit," lautet häufig die Gesprächseinleitung. "Ja, wir haben einiges gewagt, viel geschuftet und mehr noch gewonnen: Lebensfreude, Kraft und Gesundheit für alle Bewohnerinnen im Haus."
Die Gemeinde Mörlenbach wollte das Mehrfamilienhaus aus den fünfziger Jahren, das im Dorf als Schandfleck galt, abreißen lassen, da es wegen unzureichender Pflege und des veralteten technischen Standards unbewohnbar geworden war. Doch Anja Reuter, Brigitta Schilk und Claudia Felske waren angetan von der Randlage und der Größe des Hauses mit vorbeifliesendem Bach. Nach reiflicher Überlegung entschlossen sie sich, das Haus zu kaufen und grundlegend ökologisch zu sanieren und zu modernisieren.

Finanzierbar und ohne Schnickschnack
Der Absprung von Anja Reuter hielt die beiden anderen nicht ab, sich ihre Träume von einem Energiesparhaus zu verwirklichen. Brigitta Schilk wusste grob, was sie wollte: Einfache, natürliche Baumaterialien, finanzierbar und ohne Schnickschnack. Auf industrielle Fertigprodukte wollte sie verzichten, stattdessen Holz und lebendiges Material einsetzen.
Eine atmende Hülle sollte entstehen, die anregt, aufrichtet und die eigene Entfaltung unterstützt. Es blieb nicht viel Zeit, sich Wissen anzulesen oder sich Gedanken zu machen, wie das alles zu schaffen ist. Nach dem Motto "Lernen beim Tun und Lassen oder Schaffen" machte Brigitta Schilk sich an die Arbeit.
Vier Monate lang entfernten die neuen Besitzerinnen alte Abwasserrohre, Trinkwasser- und Elektroleitungen und sämtliche Fliesen aus Bädern und Küchen. Mühsam war es, kopfüber die eingegipste Strohmatten von der Decke zu klopfen. Staub und Dreck rieselte dabei ständig herab. Claudia Felske legte im Dachgeschoss die ausgemauerten Sparrenfelder frei - Vorarbeiten für die Dach¬sanierung. In manchen Räumen waren die Wände schwarz vor Schimmel. Tagaus tagein hörten die Nachbarn das Abklopfen der alten Gips- und Sandputze oder den Einriss von Wänden.
Hilfsbereite Nachbarn staunten immer wieder, dass auf der Baustelle überwiegend Frauen am Werk waren. Nur hin und wieder tauchten Väter oder Freunde auf, die mithalfen. Mancher Handwerker musste sich daran gewöhnen, eine Frau als Bauherrin vorzu¬finden, die selbst tatkräftig zulangte und zeitweise mit Fragen nervte.
"Die richtigen Handwerker zu finden, war keine einfache Sache", erläutert Claudia Felske. Denn nur wenige haben Erfahrungen mit ökologischem Sanieren und Moder¬nisieren. Mit einigen Handwerkern waren langwierige Gespräche notwendig. "Wie immer" wollten diese Bauherrinnen die Arbeiten nicht ausführen lassen

Zimmerer dämmt erstmals mit Hanf
Oft staunten die Männer vom Fach über die Baustoffe: Die Zimmerer hatten noch nie mit Hanf gedämmt. Wandheizungen hatte die wenigsten gesehen, und lehmverputzte Wände waren für viele eine Neuheit. Manche skeptische Frage musste beantwortet werden. Claudia Felske, Ingenieurin und Energieberaterin, konnte ihre Erfahrungen im richtigen Dämmen einbringen und betonte immer wieder, wie wichtig Übergänge und Anschlüsse sind - das sensibelste Detail in der Luftdichtung bei angrenzenden Bauteilen.
Elektriker, Wasserinstallateure, Zimmerer, Heizungsbauer und Verputzer führten die Facharbeiten aus. Die Besitzerinnen erbrach¬ten die zeitaufwendigen und anstrengenden Vorarbeiten. Tagelang sägte Brigitta Schilk mit einem Flex-Winkelschleifer an den 24 Fenstern die Mauernasen ab: keine ungefähr¬liche Arbeit, da sie vom Baugerüst aus nur schwer an die Fenster heran kam. Muskel¬kater, Verspannungen und kleinere Verletzungen gehörten zum Alltag.

Selbst Arbeiten, von denen die Frauen bisher noch keine Ahnung hatte, waren zu stemmen. Um das richtige Vorgehen herauszufinden, fragte Brigitta Schilk die Handwerker auf der Baustelle, recherchierte im Internet und ließ sich Tipps von Mitarbeit¬ern der ökologischen Baustofffirmen geben. Alternativen wurden ausgiebig diskutiert und schließlich fanden sich Lösungen.
Beim Mauern war die Hilfe von Vater Hans Schilk willkommen. Mit seinen 72 Jahren zog er neue Wände in den Badezimmern hoch und verputzte in einer späteren Bauphase Wände mit dem wenig bekannten Rotkalk. Selbst mit den abgerundeten Kanten an Fenstern und Kaminen kam er zurecht. Dabei hatte er zunächst - wie viele andere Bekannte - an den spleenigen Ideen der Tochter gezweifelt. Doch die enorme Raumwirkung überzeugte.

Wie lässt sich eine enge Dachwohnung in ein lichtdurchflutete, großzügige Wohnung verwandeln? Claudia Felske löste diese Aufgabe mit einer kleinen Gaube, dem Abriss fast aller Innenwände und dem Anfügen einer Südloggia. Vorher hatte die Dachwohnung nur kleine und dunkle Räume, heute lässt es sich im Licht förmlich baden.
Im Obergeschoss wurden die Rohre für die Wandheizung verlegt und an die Wände angedübelt. Eine feucht-fröhliche Angelegenheit war das Auftragen des Lehmunterputzes auf die Wände mit den Heizungsrohren. Was nicht mit Plastikfolien abgedeckt war, bekam Lehmtupfer, die sich jedoch mit feuchtem Lappen leicht entfernen ließen. Dann trocknete die Wandheizung den Lehm.
Dieser hautverträgliche Putz, mit dem auch Allergiker gut leben können, besteht aus Lehm und Sand. Seine Farbwirkung wird ausschließlich durch farbigen Ton erreicht, der gleichzeitig als Bindemittel wirkt. Einige Wochen später kam der Lehmoberputz auf alle Wände - Mokkabraun allüberall.

Frischer Teint mit Marmormehlfarbe
Monate später - inzwischen waren die Deckenarbeiten abgeschlossen, die Fliesen gelegt, die alten Dielenböden abgeschliffen und neu geölt - bekamen die brauen Lehmwände mit Marmormehlfarbe einen frischen Teint. Beim ersten Durchgang strichen Schilk und ihre künftige Mitbewohnerin alles weiß. Mit dem zweite Farbauftrag schufen sie eine Farbwelt von leichten Erdtönungen bis hin zu kräftigem Orange. Künstlerin Sibylle Lay strukturierte im Arbeits¬raum die Flächen mit Landschaftsformen in hellen Grün- und Blautönen - ein spannender und kreativer Prozess. Im Wohnbereich sorgt ein freundliches Terra Siena für helle und ruhevolle Grundstimmung, das warme Holz des alten Dielenbodens vermittelt Behaglichkeit. Die Schlafräume wirken warm mit den gelb-orangen Tönen.

Ein wichtiges Anliegen der Baufrauen war es, Vögel und Insekten auch nach der Sanierung wieder anzusiedeln. An den Giebeln des Hauses finden Mauersegler oder Stare Nistplätze, unter dem Dach wurde bewusst auf Vogelsperren verzichtet, damit der Hausspatz Brutplätze aufstöbern kann. Kurz nachdem das Baugerüst abgebaut war, zogen bereits die ersten Vogelpaare wieder ein.
Wenn möglich verwendeten die Baufrauen regionale Produkte beim Sanieren. Die Pellet-Zentralheizung im Keller versorgt das Haus mit Wärme. Die Solaranlage erwärmt zu 60 Prozent das Wasser, im Winter unterstützt die Heizung die Wassererwärmung.
Einmal mehr zeigt sich bei dieser Sanierung, was Häuslebauer brauchen: Entschlos¬senheit, Hartnäckigkeit und Einfallsreichtum, wenn sie ihre Träume verwirklichen wollen.




 
 


Umbau mit natürlichen Mineralien
Mineralische Putze und Flächenheizung

 




Mörlenbach.
Das Haus in der Wilhelmstraße, ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohnungen, wurde in den Nachkriegsjahren 1956/57 mit Bimshohlblocksteinen gebaut. Einst wohnten hier Heimatvertriebene aus Schlesien oder dem Sudetenland. Seit 1956 hatte sich wenig am Zustand des Gebäudes geändert. Die Wohnungen hatten Einzelölöfen oder Holzbadeöfen, Einglasfenster - bis auf eine Wohnung - und eine veraltete Elektrik, als die Gemeinde es im Jahr 2006 verkaufte.
Die neuen Eigentümerinnen haben das Haus zu einem Vierfamilienhaus umgebaut und umfassend saniert. Dabei stand klima¬schonendes, weitgehend ökologisches Bauen im Mittelpunkt. Teilweise konnten vorhandene Baumaterialien wieder verwendet werden. Das Dach ist mit einer Zellulose- und Hanf-Zwischensparrendämmung sowie Holzfaser¬platten als Aufdachdämmung versehen und das Dachgeschoss mit OSB-Platten dampf¬dicht ausgebaut.

Die Fassade wurde mit einem Wärmedämm¬verbundsystem aus Holzweichfaserplatten versehen. Im Erd- und Obergeschoss sind Kieferholzfenstr mit einer Wärmeschutzverglasung eingesetzt, im Dachgeschoss Eichenholzfenster. An der Ost- und Westseite wurden zusätzlich Balkontüren oder tiefere Fenster eingebaut sowie im Dachgeschoss und im Dachspitz neue Dachflächenfenster, um einerseits möglichst viel Licht in das Haus zu lassen und von dem solaren Wärme¬gewinn zu profitieren. Die Einzelölöfen wurden ausgebaut und durch eine Pellet-Zentralheizung ersetzt. Eine große Solaranlage sorgt für Warmwasser. Zum Dämmen des Dachs und der Außenwände wurden Dämmstoffe aus Holz, Cellulose und Hanf verwendet; zum Dämmen der Wärmebrücken Hanf- oder Flachsfasern.

Abgeschirmte Elektroinstallationen und mineralische Putze aus Lehm, Kalkstein, Marmor, Quarz und Sand verbunden mit Ton, Kalk oder Zement verbessern das Wohnklima, da sie sehr atmungsaktiv sind. Das Material kann Wasser aus der Umgebungsluft aufnehmen und über die Zeit wieder in den Raum abgeben. Sie sind unempfindlich gegenüber mikrobiologischem Befall, nicht temperaturempfindlich, haben eine geringe Verschmutzungsneigung und bieten Schall- und Feuchteschutz.
Kalkputz bindet Schadstoffe und sein hoher pH-Wert schützt dauerhaft vor Schimmelbildung oder Pilzbefall. Flächenheiungen erleben eine Renaissance. Die Wände strahlen großflächig Wärme ab. Die in Lehmputz oder mit Systemplatten verlegten Heizungsrohre reagieren schneller auf Temperaturregulierung als im Estrich verlegte Fußbodenheizung.
Durch die niedrige Konstruktionshöhe können Wandheizungen gut nachträglich im Altbau installiert werden. Die Rohre werden auf den Altputz oder die rohe Wand angedübelt. Lehmputz eignet sich hervorragend als Wandputz, da er bei der Wärmeausdehnung nach gibt.
Schon zur Zeit der Römer war die Flächen¬heizung perfektioniert worden: Warmes Wasser oder warme Luft durchströmte Böden oder Wände und temperierte die Räume gleichmäßig.